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Demokratie wagen?

28. Feb 2018 Kommentare (0) Ansichten: 389 Allgemein, Heimat, Top Thema, Unterwegs

2018 und 2019 feiert Baden ein doppeltes Verfassungsjubiläum. Mit der Ausstellung Demokratie "wagen? Baden 1818-1919" zeichnet das Landesarchiv Baden-Württemberg ab dem 11. April 2018 den Weg Badens zur Demokratie nach. Und zeigt, dass die Freiheiten, die wir heute leben, alles andere als selbstverständlich sind. BGV mein magazin hat mit Dr. Peter Exner vom Generallandesarchiv Karlsruhe gesprochen, der die Ausstellung federführend betreut.

 

Herr Dr. Exner, warum steht hinter dem Titel der Ausstellung, Demokratie wagen? ein Fragezeichen?

Das Fragezeichen im Ausstellungstitel steht für die Offenheit der Geschichte. Bis 1918 war es umstritten, ob Baden eine Monarchie bleibt oder eine Republik wird.

Wir haben uns bei der Präsentation drei Fragestellungen überlegt: zum einen die Frage nach der politischen Mitbestimmung. Das ist kein linearer Prozess.

Die zweite Fragestellung dreht sich um die Herrschaftsform. Welche setzt sich letztendlich durch – die Monarchie oder die Demokratie? Das ist bis 1918 offen. Wir erfahren auch heute wieder, dass unsere Freiheitsrechte keine Rechte sind, die vom Himmel gefallen sind.

Die dritte Frage ist die Frage nach den Grundrechten. Inwieweit setzen sich die Grundrechte durch? Hier gibt es unterschiedliche Entwicklungen. Unsere Grundrechte wurden erstmals nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus vorstaatlich, also als immerwährende individuelle Freiheitsrechte gegen den Staat definiert. In allen Verfassungen vorher war es so, dass sie zum einen nur für Deutsche galten, zum anderen aber auch entziehbar waren. Das ist heute nicht mehr möglich.

Welche Inhalte erwarten den Besucher?

Wir haben die Verfassungen von 1818 und 1919 als Rahmen genommen und begreifen sie als Säulen einer demokratiegeschichtlichen Entwicklung. Ohne einen kleinen Einstieg über die französische Revolution klappt das aber nicht. Es wäre auch schizophren, die Verfassung von 1919 zu zeigen und es so darzustellen, als wäre ein schöner demokratischer Zustand erreicht. Wir würden die Augen verschließen vor dem Scheitern der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus. Also haben wir die Entwicklung bis hin zum Grundgesetz weitergeführt.

Der Fokus der Ausstellung ist immer auf Baden gelegt. Wir möchten natürlich unsere Bestände bekannt machen. Wir leihen uns aber auch gerne etwas aus, im badischen Landesmuseum zum Beispiel oder bei Privatpersonen. Wir bekommen zum Beispiel den Schreibtisch auf dem der Großherzog die Abdankungsurkunde unterzeichnet hat. Dort hat er der Legende nach eine Träne vergossen. Es gibt auf der Urkunde tatsächlich hellere Stellen. Woher genau die kommen, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen.

"Das zeigt, dass das zivilisatorische Eis, auf dem wir uns bewegen ganz dünn ist und auch brüchig sein kann."

 

Baden  gilt als Hochburg des Liberalismus. Wieso?

Das hat zum einen mit der Grenznähe zu tun, mit Staaten wie Frankreich oder der Schweiz. Man hat immer den Austausch mit Frankreich, die Franzosen brachten ihre Revolution quasi mit Waffengewalt hierher.

Welchen Beitrag hat Baden zur gesamtdeutschen demokratiegeschichtlichen Entwicklung geleistet?

Hier sind die kühnsten und weitestreichenden Gesellschaftsmodelle entwickelt worden. Der Ruf nach einer Demokratie, einer Volksherrschaft, war nirgends so laut wie in Baden. Hecker und Struve haben Aufstände versucht, dann die Reichsverfassungskampagne. Man hat hier am konsequentesten dafür gestritten. Das Ende der großen Revolution 1848/49 findet hier mit der Kapitulation in Rastatt statt.

Der deutsche Südwesten hatte auch Auswirkungen auf das Grundgesetz. Einzelne Bestimmungen, zum Beispiel das konstruktive Misstrauensvotum oder ein anthropologisches Verfassungskonzept sind schon 1946 in der Verfassung von Württemberg und Baden durch Carlo Schmid verankert worden. Und natürlich, dass die Grundrechte vorstaatlich wurden, also unantastbar durch den Staat. Der Südwesten hat mit Sicherheit bei der demokratiegeschichtlichen Entwicklung eine wichtige Rolle gespielt.

Was möchten Sie mit der Ausstellung vermitteln?

Man muss klarmachen, dass es Verhältnisse gab, in denen Freiheitsrechte keine Selbstverständlichkeit waren. Es ist kein Naturzustand, dass zum Beispiel Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben. Die Ausstellung hat einen pädagogischen Anspruch insbesondere für junge Menschen, um ihnen zu helfen, sich in ihrem demokratischen Gemeinwesen selbst zu vergewissern, Identität zu schaffen, auch Diskussion anzuregen. Mir ist es auch ein Anliegen, junge Menschen zu immunisieren gegen Einflötungen von Demokratiefeinden, die wir in unserer Gesellschaft eben auch haben. Das zeigt, dass das zivilisatorische Eis, auf dem wir uns bewegen ganz dünn ist und auch brüchig sein kann.

Die Ausstellung ist ein Appell, dass solche Freiheitsrechte nur dann zum Tragen kommen, wenn es Menschen gibt, die bereit sind, sie zu leben und sich für sie einzusetzen. Weimar ist daran gescheitert, dass es eine Republik ohne Republikaner war. Welche großen Errungenschaften haben wir, erkauft von unseren Vorfahren durch Blut, Schweiß und Tränen? Es ist unser Auftrag, sich dafür einzusetzen. Es gibt diesen ganz programmatischen Satz, der auch am Ausgang der Ausstellung steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Die Ausstellung Demokratie wagen?
präsentiert vom Landesarchiv Baden-Württemberg

Die Ausstellung Demokratie wagen? Zeigt den Weg Badens von der Monarchie bis zur Republik. Eröffnet wird die Ausstellung im Generallandesarchiv Karlsruhe. Im Anschluss ist sie als Wanderausstellung an insgesamt zehn weiteren Ausstellungsorten in ganz Baden zu sehen.

Bei der Eröffnung wird die Landtagspräsidentin Muhterem Aras anwesend sein. Den Abschluss bildet ein Vortrag über Freiheitsrechte vom Präsidenten des Deutschen Bundestages Dr. Wolfgang Schäuble.

Stationen der Wanderausstellung:

  • 27.9.-26.10.2018: Freiburg, Regierungspräsidium
  • 49. KW 2018-8. KW 2019: Offenburg, Museum im Ritterhaus                                                                             
  • 9.-16. KW 2019: Heidelberg, Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte                
  • 17.-24. KW 2019: Villingen, Städtische Museen                                                                                     
  • 25.-32. KW 2019: Ladenburg, Archiv des Rhein-Neckar-Kreises                                                        
  • 41.-48. KW 2019: Bruchsal, Stadtarchiv                                                                                                     
  • 49. KW 2019-4. KW 2020: Baden-Baden, Stadtmuseum                                                                                        
  • 21.-28. KW 2020: Rheinstetten, Stadtarchiv                                                                                              
  • 2020: Wertheim, Staatsarchiv                                                                                                

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