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Der Mensch im Mittelpunkt

27. Nov 2017 Kommentare (0) Ansichten: 731 Allgemein, Heimat, Top Thema, Unterwegs

Im Karlsruher Schloss, dem zentralen Punkt der Residenzstadt, finden rund 50.000 Jahre Kulturgeschichte ein Zuhause. Das Badische Landesmuseum ist das große Museum in Baden, seine Sammlung umfasst rund 450.000 Objekte von Ur- und Frühgeschichte bis in die Moderne. 2019 feiert das Badische Landesmuseum seinen 100. Geburtstag – und geht neue Wege. BGV mein magazin spricht mit Direktor Prof. Dr. Eckart Köhne über das neue Museumskonzept.

Sie planen ein neues Konzept für das Landesmuseum. Wie können wir uns das genau vorstellen, das Museum zum Anfassen?

Schausammlungen gehören in den Museen nicht unbedingt zu den am besten besuchten Bereichen. Man muss daher überlegen, wie man sie attraktiver gestaltet kann. Denn es ist unser Auftrag sie zu zeigen und den Bürgerinnen und Bürgern eine Idee zu liefern, warum wir die Sammlung weiterhin pflegen. Es handelt sich um Kulturgut, das für die Region und weit darüber hinaus wichtig ist und das es zu schützen gilt. Das wollen wir auch über die Digitalisierung der Bestände erreichen, die immer weiter voranschreitet. Das Badische Landesmuseum beherbergt rund eine halbe Million Sammlungsobjekte.

Für uns ist es ein wichtiger Schritt, dass man die Bürgerinnen und Bürger näher an die Objekte heranlässt – wie man das im Archiv oder einer Bibliothek bereits lange macht. Dort können Sie sich theoretisch alles ausleihen oder zeigen lassen. Die Grundidee war daher,  das Museum genauso/ähnlich zu betreiben . Wir möchten ein System entwickeln, das alle Objekte digital verzeichnet und die Möglichkeit gibt, diese auch zu Gesicht zu bekommen.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Wir möchten den Bereich der Schausammlung, der bereits seit 30 Jahren steht, verkleinern und uns auf die Kernthemen und Highlights verständigen. Zusätzlich wollen wir sogenannte Expotheken einrichten; Das sind Bereiche, in denen man an den Objekten direkt forschen kann. Wir möchten die Bürgerinnen und Bürger motivieren, sich selbst Anwendungen auszudenken. Wir können uns vorstellen, dass auch Externe einmal eine Ausstellung kuratieren. In Stuttgart gab es den Fall, dass ein junger Mann seinen Heiratsantrag im Museumplante. Er wollte am Ende der Ausstellung drei eigene Bilder aufhängen. Das letzte sollte der Antrag sein. Das Museum hat das abgelehnt, da es sich bei dem gewünschten Präsentationsort um eine kuratierte Ausstellung handelte.

Das ist ein Beispiel dafür, dass Menschen eigene Ideen haben, was sie in einem Museum alles machen können – das mag nicht immer im Sinne des Kurators sein, doch ist das nicht in allen Punkten maßgeblich. Natürlich sind wir im Museum die, die fachlich kompetent sind, aber vielleicht gibt es noch einen zweiten Strang (evtl. besser: eine zweite Komponente?) daneben, der den Menschen die Möglichkeit einräumt, selbst aktiv zu werden. Solche partizipativen Projekte gibt es in Museen schon lange, dass man jedoch den Aspekt der Partizipation in der Struktur verankert und als Daueraufgabe des Museums begreift, gibt es in Deutschland so noch nicht.

Direktor Prof. Dr. Eckart, Leiter des Badischen Landesmuseum

Lässt sich dieses Konzept auch für alle Objekte umsetzen?

Ein geringer Anteil wird tatsächlich zu sehen sein, ohne dass eine schützende Glaswand dazwischensteht. Der Nutzer kann sich Objekte vorlegen lassen und sie direkt in Augenschein nehmen. Das Depot muss also so gestaltet sein, dass man an die Objekte herankommt.

Was war der Anlass für die Entwicklung des neuen Konzeptes?

Der konkrete Anlass ist die Sanierung des Schlosses, die überfällig ist. Das Schloss wurde nach dem zweiten Weltkrieg wieder errichtet, seitdem ist baulich nicht viel passiert. Wenn man für eine Sanierung alles ausräumen muss, wird man es nicht wieder gleich einräumen. Die neuen Konzepte sollten auf den Besucher und seine Bedürfnisse zugeschnitten sein. Die beliebten Sonderausstellungen machen momentan aber nur ein Achtel der Ausstellungsfläche aus. An diesen Verhältnissen muss man etwas drehen. Daher gilt es zu versuchen, die Schausammlungen zu beleben. Wir wollen uns eine Art Stammkundschaft erarbeiten, die immer wieder gerne zu uns kommt. Im nächsten Schritt möchten wir unsere Besucher nicht mehr als Besucher betrachten, sondern als Nutzer, die selbst aktiv werden können.

"Für uns ist es ein wichtiger Schritt, dass man die Bürgerinnen und Bürger näher an die Objekte heranlässt."

Prof. Dr. Eckart Köhne

Social Media, Sharing-Konzepte etc. – Die Bürgerbeteiligung spielt eine immer größere Rolle in der gesamten Gesellschaft. Wie schlägt sich das auf den Museumsbetrieb nieder?

Menschen und ihre Bedürfnisse verändern sich. Früher war man häufig zufrieden, Teil eines Kollektivs zu sein, das individuelle Leben fand zu Hause statt und nicht in der Öffentlichkeit. Das hat sich stark verändert. Durch die sozialen Medien wird viel Privates ungefiltert in die Öffentlichkeit gespielt. Dem müssen die Museen folgen. Museen sind immer der Gesellschaft nachgegangen bzw. hat die Gesellschaft die Museen geformt. In den 68ern war es die Gesellschaft, die gefordert hat. Damals wurde auch die Museumspädagogik eingeführt. Heute eröffnet die digitale Kommunikation ganz andere Ausdrucksmöglichkeiten.

Sie sind nicht nur Direktor des Badischen Landesmuseums sondern auch Präsident des Deutschen Museumsbundes. Müssen auch andere Museen sich in Richtung Konzeptwechsel bewegen?

Bewegung ist immer gut. Viele Museen lieben die Ruhe und das geordnete Arbeiten. Ich glaube nicht, dass einem das auf Dauer weiterhilft. Die Frage nach der Relevanz der Museen stellt sich immer wieder neu. Und wenn die Gesellschaft uns nicht mehr für relevant hält, wird es schwierig sein, unseren Fortbestand zu sichern. Wir merken das schon im Kleinen, im überall herrschenden Investitionsstau: Kindergärten, Straßen, Schulen, Museen. Die öffentliche Hand hat keinen Grundkanon mehr von Dingen, die sie einfach erhält, weil es dazugehört. Man muss immer neu verhandeln. Und es wird schwierig für Museen, ihre Relevanz stets aufs Neue zu begründen. Wir haben in Deutschland immer wieder die Diskussion um Schließungen von Museen. Dabei sind Museen die letzten großen Kulturinstitution, die es überall gibt. In jedem Dorf gibt es ein Heimatmuseum – selbst wenn der Supermarkt schon geschlossen hat und der Pfarrer weggegangen ist. Diese Räume der öffentlichen Gemeinschaft muss man unterstützen. Museen können da natürlich selbst etwas tun, indem sie zeitgemäß bleiben. Wenn man nicht investiert, dann führt das zu einem Qualitätsverlust.

Ist die Digitalisierung eine Bedrohung für Museen?

Es wäre gut, wenn es einen digitalisierten Bestand gäbe, um im Netz einen Bereich erschließen zu können, den man bislang nicht nutzen konnte. Insofern sehe ich hier eher eine Chance als eine Gefahr. Man muss den Schritt aber auch weitergehen, man muss den Menschen anbieten, etwas mit den digitalisierten Objekten zu machen. Eine Statue, ein großer Altar oder eine komplizierte Maschine wird durch den Bildschirm auf ein zweidimensionales Einheitsformat reduziert. Dennoch brauchen wir dringend die Möglichkeit, unsere Daten aufzuarbeiten, damit die Sammlung ins Netz kommen kann. Wir sind schließlich dazu verpflichtet, eine Öffentlichkeit zu erreichen und das Netz gibt einem da ein perfektes Instrument an die Hand.

Sie sind in Karlsruhe geboren. Kennen Sie das Landesmuseum bereits aus Kindertagen? Was hat Sie damals besonders fasziniert? Wie ist es heute, als Direktor hier zu stehen?

Die erste Ausstellung habe ich mit neun Jahren gesehen. Das war die große Kykladen-Ausstellung. Ich erinnere mich noch gut daran, weil die Atmosphäre so weihevoll war. Ich wollte schon immer Archäologe werden. Dabei hat die Antikenabteilung hier im Haus sicher eine Rolle gespielt. Die Freistunden während der Schulzeit habe ich gerne in den Sammlungen verbracht, damals war der Eintritt noch frei.

Das Badische Landesmuseum bildet die kulturelle Identität des Landesteiles Baden ab. Was macht für Sie die badische Identität aus?

Ich weiß gar nicht, ob es die überhaupt gibt. Baden ist ein politisches Gebilde. Ich kann auch nicht sagen, ob sich der Kurpfälzer als Badener fühlt, oder der Alemanne als Freiburger. Es ist interessant, dass dieses Haus, das Badisches Landesmuseum heißt, nie versucht hat, seine badische Identität zu beschreiben. Es gibt natürlich die Abteilung Baden, die die historische Entwicklung nachzeichnet. Die Idee, einer Kultur Badens nachzugehen, war hier allerdings selten auf der Agenda. Dabei ist zum Beispiel die Abteilung Ur- und Frühgeschichte der Platz, an dem man es am besten kann. Denn ihre Objekte kommen tatsächlich alle aus Baden. Deshalb taufen wir diese Abteilung bei der Neueröffnung in „Archäologie in Baden“ um. Seit ich hier bin, weht zudem die badische Flagge auf dem Turm, weil wir uns zur Aufgabe gemacht haben, uns intensiver mit dem Thema Baden auseinanderzusetzen.

Aktuelle und kommende Sonderausstellungen im Badischen Landesmuseum

Zweck fremd? Den Dingen auf der Spur

  1. September 2017 – 5. August 2018

Was ist denn das?! Diese Frage mag man sich stellen, bei den Exponaten dieser Ausstellung. Und genau das ist der Sinn der Sache. Nach dem großen Erfolg gibt das Badische Landesmuseum erneut Antworten bei der Ausstellung der Volontäre. Entdecken Sie allerhand Rätselhaftes aus den verschiedensten Epochen und rätseln Sie mit!

Die Etrusker

  1. Dezember 2017 – 17. Juni 2018

Als eine der frühen Hochkulturen bestimmten die Etrusker vom 10. Bis zum 1. Jahrhundert v. Chr.  das Schicksal des westlichen Mittelmeerraums. In Kooperation mit dem italienischen Kultusministerium, den archäologischen Denkmalbehörden und verschiedenen Museen in Italien zeigt die Ausstellung die Einzigartigkeit der Etrusker.

Revolution! Für Anfänger

  1. April – 11. November 2018

Was ist eigentlich eine Revolution? Dieser Frage geht die Sonderausstellung „Revolution!“ nach,  - hundert Jahre, nachdem die Novemberrevolutionäre auf dem Dach des Karlsruher Schlosses eine rote Fahne hissten. Doch nicht nur die revolutionären Ereignisse der Jahre 1918/19 werden in der Ausstellung wieder lebendig, sondern auch zahlreiche andere: Von 1848/49 bis zur 68er-Bewegung, von der Französischen Revolution bis zum Arabischen Frühling erleben die Besucher, was zu Revolutionen führt, wie sie ausbrechen und wovon Erfolg oder Scheitern abhängen können.

Detail Krone - Badisches Landesmuseum

Detail Krone - Badisches Landesmuseum

Weitere Informationen zum Museum und allen Ausstellungen finden Sie auch auf der Website des Badischen Landesmuseums.

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